Alfons Czibulka (1842-1894)

 

Das Janusköpfige des Wesens und der Stellung eines Militärkapellmeisters als Künstler in der Uniform des Soldaten prägte sich bei wenigen so deutlich aus wie bei dem am 14. Mai 1842 im ungarischen Szepesväralya geborenen Alfons Czibulka. Der lebensvolle Mann konnte oder wollte sich nie für das Heer oder die zivile Laufbahn allein entscheiden, er war ein "Reiter auf zwei Pferden", was in Österreich unter musischen Menschen überhaupt gar nicht selten vorkommt, doch in beiden Sphären seines Wirkens brillierte er. Im Waffenrock dirigierte er in Wien, Prag, Krakau, Triest, Peterwardein und Bozen, seine militärmusikalische Karriere war fast so vielfarbig wie die des jungen Franz Lehar, sie spielte sich bei den IR 17, 23, 20, 25, 44, 31, 19 und 57 ab. Im Frack stand Czibulka an den Pulten zahlreicher Theater zwischen Innsbruck und Odessa, eine seiner Stammbühnen war das Wiener Carltheater. Anno 1880 erspielte, wie bereits auf S. 225 ausführlicher geschildert, die Kapelle des Prager IR 36 unter der Leitung des von auswärts herangezogenen Kapellmeisters bei der Internationalen Militärmusik-Konkurrenz den 1. Preis für die Donaumonarchie.

Zeittypisch, dem Geschmack der Epoche angemessen, waren Czibulkas Beethoven-Bearbeitungen für militärische Bläserbesetzung, Märsche aus seiner Feder sind in modernen Listen der meistgespielten Stücke dieser Gattung nicht mehr zu finden. Als Komponist gehörte er der Zeit und dem Genre nach dem Kreis der Goldenen Operetten-Ära an, doch auch seine Werke der "Leichten Muse" scheinen für die Nachwelt etwas zu leichtgewichtig gewesen zu sein, keine der Operetten Czibulkas konnte sich auf dem Repertoire halten. Seltsam berührt das gewiss zufällige Faktum, daß seine letzte Bühnenkomposition den Titel "Der Bajazzo" trug und im selben Jahr, 1892, Premiere hatte wie Ruggiero Leoncavallos Welterfolgs-Oper. Vergessen ist vollends Czibulkas Requiem, das unter dem Eindruck der Schlacht von Custozza entstanden und dem Andenken der österreichischen Gefallenen gewidmet war.

Als Künstler und Kavalier wahrhaftig beliebt, starb Czibulka viel zu früh, erst zweiundfünfzigjährig, am 27. Oktober 1894 in Wien. Zu der Einsegnung in der evangelischen Dorotheerkirche kam, bereits ein menschliches Wrack, fast erblindet und von einem Begleiter behutsam am Arm geführt, Franz von Suppe, um von dem alten Freund Abschied zu nehmen.

 


 Übernommen von Reinhard Wieser

 

   
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