Anton Faulwetter (1840-??) - Selbstbiographie

 

Faulwetter Anton

Im Jahre 1840 zu Prag als der einzige Sohn eines wohlhabenden Geschäftsmannes geboren, war mir mein Lebensweg von selbst vorgezeichnet. Prag, damals noch deutsch, war eine Musikstadt allerersten Ranges. Die Prager Oper war die erste in Österreich, welche die Meisterwerke "Tannhäuser", "Lohengrin", "Rienzi", "Der fliegende Holländer" von dem zu jener Zeit noch in der Verbannung lebenden Richard Wagner zur Aufführung brachte. Das Konservatorium, ein Musterinstitut, eines der ersten im alten deutschen Reiche, lieferte jährlich eine bedeutende Anzahl junger Musiker, um welche man sich, noch ehe sie absolviert hatten, allerorts bewarb. Einem Prager Konservatoristen stand die Welt offen und insbesondere war es Rußland, wo dieselben die besten und einträglichsten Anstellungen fanden. Ein Prager und nicht musikalisch, war damals einfach undenkbar! Und so hat es auch mein Vater nicht unterlassen, mich musikalisch ausbilden zu lassen, umsomehr, als meine Lehrer behaupteten, ich hätte Talent. So lernte ich außer Klavier auch Violine und hatte, namentlich auf ersterem Instrument, sehr gute Erfolge zu verzeichnen. Mein Klavierlehrer gehörte dem zu jener Zeit berühmtesten Institut - Jos. Proksch an. An den Konservatorien wurden bis an das Ende der sechziger Jahre nur Orchester-Instrumente gelehrt. Der im Jahre 1853 erfolgte Tod meiner Mutter brachte eine gänzliche Umwälzung in unseren Familienverhältnissen mit sich, und als ich mich überzeugte, daß in meinem Vaterhause für mich nichts mehr zu hoffen sei, widmete ich mich gänzlich meiner geliebten Musik. Mein Vater führte mich auf mein Bitten zum damaligen Direktor des Konservatoriums, Herrn Johann Friedrich Kittel, welcher mich nach eingehender Prüfung unter seine Privatschüler aufnahm. Bei ihm genoß ich durch mehrere Jahre einen gründlichen Unterricht in der Musiktheorie. Später studierte ich beim Direktor des Militärmusik-Vereines, Herrn Johann Pavlis, die Instrumentierung für Militärkapellen und die praktische Behandlung der Blasinstrumente. Nach drei Jahren fleißigen Studiums und nachdem ich schon zahlreiche Werke entweder für Militärmusik transkribiert oder für andere Musikkörper eingerichtet hatte, konnte ich daran denken, mich um eine Stelle als Leiter einer Kapelle zu bewerben. Die mir von Dir. Kittel warm empfohlene Kapellmeister-Stelle beim Garde-Ulanen-Regiment in St. Petersburg lehnte ich, den Vorstellungen meiner Stiefmutter folgend, ab. Ich habe diese Übereilung später bereut. Im Jahre 1859 starb plötzlich mein Vater. Unter den obwaltenden Umständen ein schwerer Schlag für mich. Ich wurde - damals assentpflichtig - aus Familienrücksichten vom Militär befreit, doch hatte ich vollauf zu tun, das vom Vater übernommene Geschäft auf der Höhe zu erhalten, und mit der Musik war es für eine lange Zeit vorbei. Ende 1860 fragte mich Dir. Pavlis, als ich ihn bei einem Konzert traf, ob ich nicht Lust hätte, die Kapellmeisterstelle bei einem Kavallerie-Regiment in Galizien anzunehmen. Da ließ es mir keine Ruhe mehr, und als es mir gelungen war, einen tüchtigen Geschäftsmann zu finden, schlug ich fröhlich ein. Noch im Dezember desselben Jahres saß ich, in der schmucken Husaren-Uniform, auf einem stattlichen Schimmel. Im Jahre 1863 vertauschte ich, des Lebens in Galizien überdrüssig, meine Stelle mit der bei einem Artillerie-Regiment in einer Festung in Böhmen. Drei Jahre darauf geriet ich in Hymens Rosenbande und mitten in den Flitterwochen kam der Krieg. Die Musik wurde aufgelöst, die Trompeter rückten zu ihren Batterien ein, und ich wurde, als "unobligat" dienend, auf dem Papier der in der Festung zurückgebliebenen Ausfallsbatterie zugeteilt. Nach der Schlacht bei Königgrätz nahm ich einen Urlaub nach dem nicht weit von der Festung entfernten Aufenthaltsort meiner Frau. Hier, ganz in der Nähe des Städtchens, hatten die ersten Kämpfe stattgefunden, und mit Entsetzen sah ich den Jammer, welchen ein Krieg im Gefolge hat. Der Ort hatte kaum 2000 Einwohner und erhielt 750 meist Schwerverwundete in Pflege. Ende August sah ich den Heimmarsch des 5. preußischen Armeekorps - Steinmetz - und kurz darauf erhielt ich den Befehl, unverzüglich nach Graz einzurücken, um die Musik neu zu organisieren, damit das Regiment mit klingendem Spiel in seine neue Garnison - Wien -einrücken kann. Mit dem 1. März 1868 wurden sämtliche reitende Musikkapellen der österreichischen Armee sowie auch die der Jäger und aller Extra-Chöre aufgelöst. Ich kam zu einem Infanterie-Regiment nach Graz. Im Oktober 1869 wurde dasselbe plötzlich mobilisiert und nach Cattaro dirigiert, wo es an den Kämpfen gegen die aufständischen Krivoscianer ruhmvollen Anteil nahm. Nach einem Aufenthalt von sechs Monaten in Klagenfurt, kamen wir wieder nach Graz zurück. Im Frühjahr 1871 erhielten wir Marschbefehl nach Innsbruck. Dies veranlaßte mich, bei dem 68. Infanterie-Regimente, dessen Offizierkorps mir von früherher bekannt war, einzutreten. Nachdem ich mit demselben die Garnisonen Karlsburg, Hermannstadt und Peterwardein kennen gelernt hatte, wurde das Regiment nach Budapest verlegt. Im August 1878 wurden wir binnen 36 Stunden gehoben und mittels Schiffen nach Peterwardein befördert, wo uns der obilisierungsbefehl traf. Das Regiment kämpfte mit Auszeichnung bei Gorica, BKka und auf der Majevica Planina. Hier erhielten wir die Nachricht, Dolnja Tuzla, der Herd der Insurrektion in Ost-Bosnien, habe kapituliert. Wir rückten nun dort, nachdem das Regiment noch einige Zeit vor der Stadt biwakiert hatte, am 3. Oktober ein. Seit dem 12. September hatten wir kein Dach über unseren Köpfen gesehen. Nach fast dreijähriger Verbannung verlegte man uns nach Erlau, nach Miskolcz und, nachdem wir genügend für den Paradedienst ausgebildet waren, wieder nach Budapest. Die Bestrebungen der österreichischen Militär Kapellmeister, eine Altersversorgung durch den Staat zu erlangen, waren von Misserfolg begleitet und dies bestimmte mich, den Militärdienst für immer zu verlassen. Nachdem ich fast 30 Jahre ununterbrochen gedient, schied ich Ende 1889 von dem Regimente, welches mir durch 19 Jahre eine zweite Heimat gewesen war.

 


Übernommen von Reinhard Wieser

 

   
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