Josef Gungl (1810-1889)

 

Gungl Josef

Schicksalhaft im Schatten von Johann Strauß stand der Lebensweg des am 1. Dezember 1810 in Szambek im Königreich Ungarn geborenen Handwerkersohnes, dem man nachrühmte, er sei "der bedeutendste Repräsentant des Magyarentums in der deutschen Tanzmusik". Er begann als blutjunger Hilfslehrer in Ofen, also beruflich wie Schubert, wurde aber mit 18 Jahren Soldat, und zwar Kanonier, zuerst in Pest, dann in Graz, wo er in die Musikbanda des 4. Artillerieregiments eintrat und es ziemlich bald zum Kapellmeister brachte. Applaus und Publikumsgunst in der steirischen Hauptstadt sicherten ihm nicht zuletzt die vielen Konzerte mit dem militärischen Streichorchester, das er aufgebaut hatte. Unter seinen damaligen Kompositionen ist der "Ungarische Marsch" deshalb bemerkenswert, weil Franz Liszt danach eine virtuose Klavierfassung schuf.

Anno 1843 quittierte Gungl den Militärdienst und unternahm, wie er selbst sagte, "als wandernder Musikant" mit einer eigenen Kapelle Tourneen in Deutschland. Der Radius weitete sich, konzertierend reiste der Künstler durch Europa, so nach damaliger Gepflogenheit auch nach St. Petersburg und Pawlowsk, der Sommerresidenz des Zaren, wo Johann Strauß Sohn erste internationale Triumphe feiern sollte. Ein Gradmesser für Gungls Erfolge war die zu jener Zeit noch sehr ungewöhnliche Verpflichtung in die USA, 1851 hatte der einstige österreichische Artilleriekapellmeister die musikalische Leitung bei der Inaugurationsfeier des Präsidenten John Tyler in Washington.

Versuche, nach der Rückkehr in Wien Fuß zu fassen, schlugen fehl. Neben Strauß vermochte sich der Ältere nicht zu behaupten, er selbst sprach sogar verbittert von den "Chikanen" des jungen Walzerkönigs. Das Bewusstsein des eigenen Wertes und der Anerkennung in zwei Kontinenten mag seine Enttäuschung noch gesteigert haben. Zudem war Gungl ein äußerst produktiver Komponist, er schrieb insgesamt 436 Musikstücke, die während jener Epoche in zahllosen Ausgaben neben den Schöpfungen der Dynastie Strauß Verbreitung fanden. Indes, er hatte das Unglück, als Talent mit einem Genie in die Schranken zu treten. Diese Zeitgenossenschaft war seine Crux. So wurde der Bessere zwangsläufig zum Feind des Guten.

Notgedrungen übernahm Gungl 1856 die Kapellmeisterstelle des IR 23 in Brünn, dies war höchstwahrscheinlich eine innere Kapitulation des Weitgereisten, eine resignierende Bescheidung. Im gegebenen Kreis leistete er Vorbildliches, er hob das Niveau dieser Banda, begründete ihren Ruf, auf dem später Fahrbach und Czibulka aufbauen konnten. 1864 schloss er diese Etappe seiner Laufbahn ab und trat wieder als Dirigent leichter Musik in europäischen Großstädten auf. Aber das "Comeback" gelang nicht, neue Publikumsschichten fanden wenig Gefallen an dem Gefälligen, das Gungl zu bieten hatte. Strauß und Offenbach beherrschten die Szene, sie überflügelten ihn mit Leichtigkeit. Der Alternde zog sich nach Weimar zurück, wo seine Tochter als Sängerin wirkte. Dort starb er am 1. Februar 1889.

 


Übernommen von Reinhard Wieser

 

   
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