Franz Lehar senior (1838-1898)

 

Lehar sen

Die im gesamten Kulturgeschehen nicht seltene Erscheinung, dass ein begabter, "vortrefflicher" Vater seine Talente in gesteigerter Form auf einen Sohn vererbt, ja die selbst nicht erreichte Vollendung und Meisterschaft an den Nachkommenden weitergibt, dieses "Leopold-Mozart-Phänomen", wie man es nennen könnte, war im Bereich der Militärmusik in der Familie Lehär mit frappanter Deutlichkeit erkennbar. Im übrigen verkörpert Franz Lehär senior in unserer Galerie so verschiedenartiger Persönlichkeiten und Charaktere den "totalen" Militärkapellmeister, dessen Leben ohne Wechselfälle, Brüche und Wendungen mit einer seltenen Ausschließlichkeit dieser einzigen Aufgabe gewidmet war. Geburtsjahrgang 1838, aus dem Ort Schönwald am Fuß des Altvatergebirges stammend, wanderte er fünfzehnjährig nach Wien und kam als Hornist im Orchester des Theaters an der Wien unter - an derselben Bühne, wo dereinst mit der "Lustigen Witwe" der Stern seines Sohnes aufgehen sollte.1857 wurde er zur Musik des IR 5 assentiert, nahm im Feldzug von 1859 an den Schlachten bei Solferino und Magenta teil und blieb bis zum Sommer 1863 mit seinem Regiment in Norditalien. Der 1. August jenes Jahres war für ihn ein überaus wichtiger Tag: Er wurde Kapellmeister des IR 50, das damals in Wien in Garnison lag. Seit jenem Datum begann er - freilich in anderem Sinn als später der Junior - das Dasein eines militärmusikalischen Nomaden. Von Garnison zu Garnison zog er kreuz und quer durch die Monarchie, vor allem in Ungarn. Seine Heimat waren und blieben Kasernen und ärarische Quartiere in Städten wie Ödenburg, Preßburg, Komorn, Budapest, Kronstadt und Sarajevo, sein Betätigungsfeld waren der Paradeplatz und das Konzertpodium. Als Kapellmeister beherrschte er faktisch alle Instrumente, nicht nur beim Blech und beim Holz, sondern auch im Sektor der Streicher. Siebzehn Jahre stand er bei den Fünfzigern, dann diente er in den IR 33, 19, 102 und 89, ehe er 1887 wieder seine Stamm-Banda, die des IR 50, übernahm. Während jener langen Zeit schrieb er Militärmärsche, Polkas, "Charakterstücke" und allerlei andere Kompositionen nach dem Geschmack der Epoche. Wenngleich ihm kein großer Wurf glückte, so blieb er doch seiner Umwelt nicht schuldig, was sie von ihm an brauchbarer "Notenarbeit" erwarten durfte. Volle 35 Jahre gehörte Lehär der Armee an, niemals verlangte es den älter Werdenden danach, sich in einer der vielen Städte, die er kennenlernte, als ziviler Musiker anzusiedeln, seßhaft zu werden. Niemals - obwohl er Frau und Kinder hatte. Zuletzt gebot er über die Kapelle eines der jüngsten Fußtruppenkörper der Monarchie, des bosnisch-herzegowinischen Infanterieregiments Nr. 3 in Budapest. Dort starb der Sechzigjährige am 7. Februar 1898 noch im aktiven Verhältnis. Für seinen 1870 in Komorn geborenen Sohn Franz leistete er Entscheidendes, um ihm den Weg zu bereiten. Die musikalische Begabung des Buben erkennend, tat er alles, was sie fördern konnte. Er selbst legte den Grundstein zur musikalischen Ausbildung des kleinen Franz und erwirkte ihm schließlich einen Freiplatz am Prager Konservatorium. So bewährte sich der redliche Schlesier auch als Vater - welcher Kontrast zu der strikten, barschen Ablehnung, mit der Johann Strauß senior den künstlerischen Ambitionen seiner Söhne begegnete! Franz Lehär der Ältere, der als Komponist der Nachwelt abhanden kam, verdient es wohl, daß sich diese Nachwelt seiner als eines wahrhaft schätzenswerten Mannes von Talent und sehr sympathischen Wesenszügen noch immer erinnert.

 


Übernommen von Reinhard Wieser

 

   
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